Head Chef Josita Hartanto - La Mano Verde
Restaurant in Berlin-Mitte
Wenn sich Profis in die kulinarische Welt
der pflanzlichen Küche begeben würden, würde veganes Essen die
Hitparade der Sterne Lokale stürmen. „Schaut in euren
Kühlschrank. … Begreift, dass Molkerei- und Fleischprodukte, die
ihr gegenwärtig verwendet, ausgetauscht werden können, ohne
dabei geschmackliche Verluste zu erleiden – verwendet frisches
Gemüse, Olivenöl und Tofu. Lernt diese Produkte kennen und wie
man sie handhabt. Experimentiert! Und alles aus Liebe zum Kochen
und für ein reines Gewissen am Esstisch.
Interview mit Chefkoch Josita Hartanto – La Mano Verde 19. April
2010
Oft erzählen mir Leute, wie erstaunlich gut vegane Sachen
schmecken können, wenn sie richtig zubereitet sind. Sie sind
überrascht und ein bischen beeindruckt, wie man leckere Kekse
und Kuchen ohne Butter und Eier machen kann. Ich denke, es wird
einfach vergessen, daß Butter nicht das einzige Fett ist, das
uns zur Verfügung steht. Da kommen Öle, Pflanzenmargarinen und -Fette,
wie zB Kokosfett ins Spiel. Kekse brauchen Fett; Aber nicht von
Tieren! Es macht Spaß, traditionelle, nichtvegane Rezepte zu „veganisieren“.
Ich sehe mich nicht als Missionarin. Natürlich wäre eine Vegane
Welt mehr als wünschenswert, ist aber natürlich utopisch. Ich
denke der beste Weg in diese Richtung ist zunächst einmal
Aufklärung...(ich bin sicher, wenn Kinder mal einen Blick in ein
Schlachthaus werfen würden, um zu sehen, wo ihre „Bärchenwurst“
herkommt, hätten sie -abgesehen von einem Trauma fürs Leben-
sicher keine Lust mehr darauf..) Mein Beitrag dazu ist, mit
gutem Essen so vielen Menschen wie möglich zu zeigen, daß man
als vegan lebender Mensch auf nichts verzichten muß. Und man
fühlt sich einfach gut dabei! Ich koche nun seit 11 Jahren. Ich
lernte im Hotel Steigenberger in Berlin und die Begeisterung für
meinen Beruf ist schwer zu verbergen. Seit Mitte März bin ich
nun Chefköchin im La Mano Verde, einem Roh-/Naturkost-Paradies
in Berlin. Das erste mal darf ich 100% vegan kochen! Endlich!

Zu Beginn die nahe liegende Frage: Was führte dich zur
Chefköchin?
Ich glaube mit elf oder 12 habe ich meine ersten einfachen aber
eigenen Gerichte „erfunden“. Habe also schon recht früh meine
Begeisterung fürs Kochen entdeckt. Habe aus dieser Leidenschaft
meinen Beruf gemacht, und auch wenn es sehr harte Zeiten gab,
habe ich es nie bereut. Ich könnte niemals den ganzen Tag an
einem Büroschreibtisch sitzen! Ich muß etwas produktives und
kreatives mit meinen Händen machen! Ich habe nach meiner
Ausbildung in verschiedenen Restaurants gearbeitet, die letzten
5 Jahre im Oxymoron, einem Szeneladen am Hackeschen Markt, das
ich sehr geliebt habe und immer noch liebe. Habe selten mit und
für so tolle Menschen gearbeitet. Vor gut drei Jahren entschied
ich mich dann für die vegane Lebensweise. Als ich dann vor
kurzem das Angebot erhielt, die La Mano Verde Küche „zu
übernehmen“, wußte ich, daß es an der Zeit war, einen Schritt
nach vorne zu machen...
Ich habe gelesen, dass du während deiner Berufstätigkeit im
Oxymoron, wo du viel mit Fleisch zu tun hattest, zum „Vegansein“
übergewechselt bist. Wie war das denn? Hattest du dir viel Ärger
mit deinen Kollegen wegen deiner Ernährungsumstellung
eingehandelt?
Überhaupt nicht! Ich stieß auf sehr viel Toleranz und auch
Begeisterung, weil ich natürlich meine veganen Kreationen
fleißig in sämtliche Menüplanungen habe einfließen lassen. Und
es kam gut an. Wir waren ein Super-Team, jeder hatte sozusagen
seine persönlichen Vorzüge, so war ich ab sofort die
Spezialistin wenns um vegetarische Sachen ging. Irgendwann habe
ich sogar mein eigenes Schneidebrett bekommen, weil meine
Kollegen es nicht mehr mit ansehen konnten, wie ich mir zu
Beginn der Schicht stundenlang einBrett geschrubbt habe, um
vermeindliche tierische überreste zu entfernen... :) Habe sogar
meinen Sous Chef davon
überzeugen können, daß das der richtige Weg ist, und er lebt
jetzt auch vegan! Ich war wirklich traurig als ich gegangen bin,
viele meiner Kollegen und Chefs vermisse ich doch sehr..

Gab es Einflüsse durch Ernährungs- oder ethische Gründe?
Es kam die Zeit, wo ich ernsthaft über fehlende Rechte von
Tieren nachdachte und ich einfach eine
Abscheu entwickelte gegen das, was mensch Tieren für ein paar
Minuten Gaumenschmaus antut… Ich wollte damit nichts mehr zu tun
haben und mich stark machen für die Unschuldigen.
Und auf der Arbeit mußte ich dann schon mal einen Kalbsrücken
zerlegen. Das war schon sehr hart, weil ich einfach kein Stück
Fleisch mehr sehen kann ohne ein direktes Bild von dem Blut, das
(im wahrsten Sinne des Wortes) daran klebt vor Augen zu haben.
Glücklicherweise hatte ich ja liebe Kollegen, die mir meistens
die schlimmsten Aufgaben abgenommen haben. Aber sehen mußte ich
es trotzdem noch.
Anfang 2010 wurde mir die Stelle als Chefkoch in La Mano Verde
angeboten. Dies verhalf mir zu einem Aufstieg und einer
Veränderung, die ich einfach nötig hatte. Denn ich hatte schon
öfters schlechte Laune einfach weil ich mit ansehen mußte wie
respektlos mit „blutiger“ Nahrung umgegangen wird. In dieser Branche muss du dich weiterentwickeln. Ich will mehr! Man muß
in Bewegung bleiben und dabei
lernt man ständig dazu.
Mein (toller :-) ) Chef und ich
teilen die Leidenschaft für Qualität und Kreativität und wir
sammeln Ideen von vielen neuen Kreationen und
Geschmacksrichtungen. Manchmal kommt er gar nicht hinterher,
weil in meinem Kopf so viele Ideen aufgestaut sind, die endlich
umgesetzt werden wollen... :) Wir haben gerade ein neues Pasta-Rezept
mit frischen Seealgen kreiert, mariniert in kalt gepresstem
Olivenöl und Rosmarin, mit etwas Knoblauch, Chili und , mit
knusprig gebackenen Rucola-Blättern und Pinienkerne-Parmesan als
i-Tüpfelchen. Lecker!

Was hast du während deines Trainings als Chefkoch, wie du es
heute bist, gelernt?
Gut, der Chefkoch ist ja noch relativ neu für mich... jedenfalls
habe ich bereits in der Vergangenheit
gelernt, daß man auf nichts verzichten muß und daß fast nichts
unmöglich ist...
Ich bin nicht der Meinung, daß ich als
vegane Köchin versuchen muß, Fleisch zu imitieren oder zu
ersetzen. Es geht mehr darum, eine neue Richtung zu finden,
einfach eine kreative, frische Gemüseküche, die Augen und Gaumen
kitzelt. Gemüse ist so wahnsinnig vielseitig und es macht Spaß,
damit zu experimentieren. Ich liebe Tofu und der ist
genauso ein Multitalent!

Wenn es um vegane oder vegetarische Nahrung geht, hören wir
öfter von Hippie Food. Warum das?
Ich denke, in der Vergangenheit waren wir etwas primitiver, was
das betrifft. Vegetarier und Veganer sind schon lange keine Ökos
mit Birkenstocks und Rauschebärten mehr. Mehr Menschen machen
sich Gedanken über Ernährung, Gesundheit und Massentierhaltung.
Wir haben uns etwas weiterentwickelt. Es gibt neue Produkte auf
dem Markt. -Fern von Karotten und Grünkernbratlingen...
Ob es jetzt die Art und Weise ist, wie der Mensch mit den Tieren
umgeht, oder gesundheitliche Aspekte, die die Leute dazu bringen,
sich Gedanken über ihre Ernährung
zu machen, spielt letztendlich keine Rolle.
Wichtig und schön finde ich, daß immer mehr Menschen sich
für eine vegetarische oder gar vegane Lebensweise entscheiden.
Das Bild von fleischloser Küche ändert sich langsam, weil mehr
professionelle Köche sich mit dem Thema auseinandersetzten. Es
ist ein Trend. Ich glaub der erste, den ich je gut fand... Es
ist auch ein neuer Markt. Es gibt (noch?) keine Möglichkeit eine
professionelle Kochausbildung zu machen, ohne dabei tierische
Produkte zu verarbeiten, aber nichts kann einen gelernten Koch
vom Vegan-Werden abhalten (ich kenne immerhin 3, und ich war
dabei nicht ganz unbeteiligt...) und daß er eine Küche auf
professioneller Art führt.

Wenn es dann soweit kommt, daß die Menschen sich an vegane Küche
gewöhnen, was sagst du zu den Skeptikern, die behaupten, ein
Gericht ohne Fleisch sei unvollkommen?
Ich sage, es ist an der Zeit für eine kulinarische Revolution!
Schau dich um. Leute bekommen Diabetes, Krebs, Herzleiden wegen
zu viel Cholesterin. Schon viele junge Menschen werden krank.
Fettleibigkeit in Verbindung mit minderwertiger Nahrung ist
weltweit verbreitet. Mir müssen einfach begreifen, daß Fleisch
nicht im Mittelpunkt unserer Ernährung steht! Für viele ist es
einfach Gewöhnungssache. Wir müssen lernen bewußter zu Leben und
zu genießen! Uns selbst und unserem Planeten zuliebe. Und nicht
Millionen von unschuldigen fühlenden Lebewesen für unsere Gier
bezahlen lassen! Geschmack ist eine große Sache. Und auch für
faule und Kochlaien gibt es bereits sehr leckere Alternativen.
Essen soll schmecken. Und das tut es auch ohne Fleisch! Wenn wir
das begreifen und die Lebensmittelhersteller mitziehen, wird die
Palette noch größer werden. Skeptiker gibt es
immer, und wird es immer geben. Ich bin bereit, mich der
Herausforderung
zu stellen.